Natur- und Vogelschutzverein

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Mittwoch, 30. Januar 2019

Bericht zur Flussregenpfeifersaison 2018
an der Thur Altikon ZH / Neunforn TG


Das Januarhochwasser (607m3 /sec. Andelfingen) hatte die niedrige Vegetation des letzten Sommers rechtzeitig weggeputzt – die Voraussetzungen für die aktuelle Brutsaison „unserer“ Flussregenpfeifer waren deshalb theoretisch wieder ideal.

Die zusammenhängende Fläche des Thurgauer Flussrücklaufs mit seinen nahrungsreichen Schlickflächen, Stillwasserzonen und steilen Uferabrissen hatte sich im Vergleich zum Vorjahr wenig verändert. Die Kiesfläche war flussabwärts sogar noch ausgedehnter. Wir sperrten deshalb am 24. März wie in den beiden Vorjahren das ganze Gebiet eine Woche vor Ostern ab.

Wir installierten dazu entlang der Thurgauer Uferkante die bewährten Absperrungen mit Holzpfosten und durchgehendem Weidezaunband und entlang der Wasserlinie im Sichtabstand zueinander die Pfosten mit Laminaten für Böötler und Fischer.

Hochwasser 5.Januar 2018 Altikerbrücke

Die ersten von 7 Flussregenpfeiferpaaren 2018 flogen bereits im wilden Balzflug über die Insel und sondierten ihre Reviere.



Vor den Naturgefahren und natürlichen Feinden können wir die Vögel nicht schützen. Mit der Totalsperrung während der Brutsaison können wir die durch Menschen verursachten Störungen aber minimieren. Nicht nur die seltenen Flussregenpfeifer (schweizweit nur 100-120 Brutpaare) brauchen solche ungestörten Kiesbänke für die Aufzucht ihrer Jungen – der Rücklauf im nationalen Auenschutzgebiet Schäffäuli ist auch Rückzugszone für viele andere seltene Tier- und Vogelarten, (Jung)Fische und auch laichende Nasen.


Bevor die Wassertemperaturen gegen 20°C gehen sind erst einzelne Boote unterwegs. Das ändert sich schlagartig bei ersten Hitzetagen am Wochenende. Trotzdem gibt es kaum Störungen durch Böötler. Wer oberhalb der Altikerbrücke einwassert, dem wird mittels permanentem Transparent mitgeteilt , dass bei den Kiesbänken wegen seltenen Brutvögeln nicht angelandet werden soll.

Die Strömung zieht an den beidseits gut sichtbar markierten Uferbereichen und an den Eisvogelbrutwänden vorbei. Zudem waren alle beim zunehmend niedrigen Wasserstand des letzten Sommers froh, wenn die Fahrt hier an der engsten Stelle endlich ein bisschen Tempo aufnahm. Ein kurzer Zwischenstop zwecks Lagebeurteilung war allerdings von Vorteil, da viele Boote sonst in die freigespülten Holzverbauungen auf Zürcher Seite gerieten, nur mit Mühe wieder herauskamen oder oft kenterten.

Mitte Juni wurden sie vom AWEL ZH nach vielen eingegangen Meldungen wegen Unfallgefahr grossteils entfernt. Für längere Pausen angelandet wurde erst nach Ende der ZH –Absperrungen - auch die unfreiwillig gestrandeten liefen entlang der Wasserlinie, ihren „7 Sachen“ folgend, die flussabwärts trieben. Hoffentlich ist es bei allen beim blossen Schreck geblieben!

 

Flussregenpfeiferpaar kurz vor der Paarung


Drohnenaufnahme vom 1. Juni 2018 ZHAW-Praktikum Leitung Dr. Michael Dörig
mit Verteilung der Niststandorte Flussregenpfeifer

Drohnenflüge über Auenschutzgebiet zur Brutzeit bleiben ein „No Go“!
Die Vogelwarte Sempach empfiehlt, Flüge in Naturschutzgebieten zu unterlassen und einen Mindestabstand von 200m einzuhalten.
Da das Praktikum von der Fachstelle Naturschutz ZH schon bewilligt war, konnten wir mit Herrn Dörig wenigstens strengere Regeln aushandeln: Flughöhe über 250m, Flüge nicht über dem nationalen Auenschutzgebiet TG, nur auf Zürcher Gebiet seitlich des Gewässerraums, Start und Landung oberhalb der Altikerbrücke..
Das „A und O“ wäre eine restriktive Bewilligungspraxis aller Fachstellen Naturschutz.
Gemäss Jagdgesetz sorgen die Kantone für einen ausreichenden Schutz der wildlebenden Säugetiere und Vögel insbesondere auch während der Brut- und Setzzeit. Gesuche könnten jederzeit begründet abgelehnt werden mit einer Option auf Bewilligung nach Ende der Brutsaison.

Ganztägiger Badeplatz von grösseren Rotmilangruppen 

Flussregenpfeifer brauchen ungestörte Kiesbänke zum Brüten
Männchen und Weibchen bebrüten abwechselnd ca. 24 Tage ihre Eier in einer Nistmulde im Kies, dem Wetter 24h täglich direkt ausgesetzt. Sie vertrauen auf ihre Tarnung und verlassen ihr Gelege so wenig wie möglich, um unsichtbar zu bleiben.

Bei der Brutablösung muss die Luft rein sein - erst dann nähert sich der ablösende Vogel im Zickzack, immer auf der Hut vor möglichen Feinden.
Nähert sich ein Fuchs, ein Hund oder eine Krähe zu Fuss, so werden die Vögel alles tun, um sie von ihrem Gelege wegzulenken - sie „verleiten“ den Feind mit hängendem Flügel und Gepfeife aus entgegengesetzter Richtung.

Sind die Jungen erst geschlüpft, wird die Aufgabe schwieriger. Gewarnt durch die Eltern ducken sie sich bei Gefahr ins Kies und sind so unsichtbar. Da sie Nestflüchter sind und ihre Nahrung von Anfang an selber aufnehmen, sind sie vom ersten Tag an als kleine Daunenbällchen in allen Himmelsrichtungen in der Nähe ihrer Eltern unterwegs – so aber auch leichte Beute für Greifvögel oder Möwen, die sich beim Überflug keine Bewegung entgehen lassen.

Die Brutsaison 2018 war trotz vermeintlich idealen Bedingungen und wieder 7 Brutpaaren nicht sehr erfolgreich – nur einzelne Jungvögel wurden flügge.

Mindestens 20 Rotmilane und 4 Schwarzmilane sassen täglich fast ganztags in den Uferbäumen und trockneten sich ihr Gefieder nach dem Thurbad - und beobachteten auch das Geschehen auf der Kiesbank.
Beim Wegfliegen noch schnell ein Käfer oder junger Flussi: von vier Pullis war bald nur noch einer - oder auch keiner - übrig.

Die Brutsaison dauerte auch deshalb sehr lange. Immer wieder begannen sie mit einem neuen Gelege. Auch nach einem Minihochwasser am 13. Juni fingen fünf von 7 Paaren wieder von vorne an, hockten hechelnd in der Sommerhitze für weitere 3 1/2 Wochen auf ihrem Gelege.
Die Jungen des ZH-Paares sahen wir am 17. Juli schlüpfen, eines von vier wurde am Ende flügge.
Die anderen vier Paare brüteten bis 0-3 Tage vor dem Schlüpfen, tauchten aber alle ohne Junge plötzlich gemeinsam für ein paar Tage an der seichten Wasserkante auf.

Die Ursache für diese sehr späten Gelegeverluste ist - wie fast immer - unklar.
Wir haben grosse und kleine Menschen, mit und ohne Fischerrute „genau dort“ sorglos durchstreifen gesehen, aber war es auch „genau dort“?
Links: Frusteinsatz v. Silvio durchs Wasser vom ZH-Ufer aus. Vertreibung von zehn Leseunkundigen an Pfingsten - ihr Rückweg jetzt aber am Kiesbankrand entlang, gekommen waren sie in Grüppchen nacheinander zielstrebig durch die Mitte.

Die Ausreden sind wohl überall die gleichen im Stil von „ich nicht, er auch“.
Eine(r) gibt das Startsignal, die anderen folgen wie Lemminge nach. Das erste rauchende Feuer lockt die nächsten Biwakierer an, steckt der erste Sonnenschirm, kommt Strandfeeling auf - Rimini lässt grüssen wie an vielen Stellen entlang der ganzen Thur.
Eine am TG Ufer installierte Wildtierkamera zeigte statt des ersehnten Fischotters einen Menschen innerhalb der Absperrung, zwar auf dem Bild ohne Kopf, die Begehung aus obigen Gründen aber eher kopflos, denn auch seine Fussabdrücke im Schlamm zeigten einen Weg vor, den man ausprobieren könnte.

Die Totalsperrung des Thurgauer Rücklaufs während der Brutsaison bewährt sich trotz Aufwand.

Der Aufwand ist vor allem anfangs Saison gross und an den Wochenenden war ab April Dauerpräsenz nötig.
Eines unserer Hauptziele dabei: möglichst viele Menschen vor Ort für die Vielfalt am Fluss zu sensibilsieren. Gegen den ersten Frust wegen der Absperrungen half meistens der Blick durchs Fernrohr – gab es doch so ein paar Flussifreunde mehr.

Wer das Fahrverbot missachtete, wurde verzeigt. Die Verzeigungen waren nötig, denn manchmal brausten ganze Autokonvois mit Partyzubhör zielstrebig zum Fluss.

Die Flussdynamik bringt es mit sich: neue Pionierflächen bilden sich, verlanden oder verschwinden ganz. Waren 2015 (Bild oben) noch alle Kiesflächen von Wasser umflossen, so dass 2016 wegen idealsten Bedingungen sogar drei Eisvogelpaare im Bereich der grossen Kurve ihre Reviere aussergewöhnlich nahe beieinander hatten, war die Fläche ab Juni definitiv keine Insel mehr. Das hatte sich schon 2017 abgezeichnet.
Die aussergewöhnlich lange Trockenperiode des Hitzesommers 2018 half zusätzlich.

Minimale Abflussmenge 1. August 3.4 m3/sec.
Maximale Wassertemperatur 6. August 27.5°C
Durchschnittl. Wassertemperatur Juli/August 22.1 – 22.4 °C (Station Andelfingen)

Als Pionierart werden sich die Flussregenpfeifer Ende März 2019 neu arrangieren - auch wir bleiben dran!

Fide Meyer Text, Thurbilder
Silvio Bartholdi alle Vogelfotos Digiscoping via Fernrohr, Bearbeitung Bild Schäffäuli 2015

Natur- und Vogelschutzverein Altikon www.natur4ort.ch im Auftrag Forstamt TG /Fachstelle Naturschutz ZH

 

Der Bericht kann hier heruntergeladen werden.